Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Digitalen Rentenübersicht, kurz RentÜG, hat der Gesetzgeber allen Bürgerinnen und Bürgern einen Überblick über ihre individuellen Ansprüche aus der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge auf einer zentralen Plattform ermöglicht. Ziel der Digitalen Rentenübersicht ist somit, dass alle deutschen Staatsbürger:innen das komplexe System der Altersvorsorge gut durchdringen und ihre Rentenansprüche inklusive Verträge jederzeit übersichtlich und an einer Stelle gesammelt einsehen können. Für die Umsetzung wurde, unter dem Dach der Deutschen Rentenversicherung, die Zentrale Stelle für die Digitale Rentenübersicht (ZfDR) geschaffen, an die sich alle Vorsorgeeinrichtungen bis zum 31. Dezember 2024 verpflichtend anbinden mussten. In diesem Blogartikel klären wir über alle technischen Voraussetzungen auf und vor allem darüber, welche Mehrwerte Versicherungen durch den Anschluss an die Digitalen Rentenübersicht für sich nutzen können.

Die Digitale Rentenübersicht: So geht’s!

Die Digitale Rentenübersicht dient der Bereitstellung einer digitalen Übersicht über die individuellen Altersvorsorgeansprüche aller Bürger:innen und soll den Anreiz schaffen, sich intensiver mit der eigenen Altersvorsorge auseinanderzusetzen. Um das Angebot in Anspruch zu nehmen, kann freiwillig ein Nutzungskonto bei der ZfDR erstellt werden, über die die persönlichen Daten authentifiziert und verifiziert werden.

Die ZfDR fragt wiederum alle angeschlossenen Vorsorgeeinrichtungen mittels der Steuer-ID der Bürger:innen an, ob Informationen zur gesetzlichen, privaten oder betrieblichen Altersvorsorge dieser Personen vorliegen. Im nächsten Schritt benachrichtigen die Vorsorgeeinrichtungen die ZfDR darüber, ob sie die angefragte Person in ihrem System identifizieren konnten und wenn ja, welcher Rentenanspruch besteht. Alle Informationen und Daten stellt die ZfDR aufbereitet im Online-Portal und einer Standmitteilung als PDF für die angefragte Person zur Verfügung.

Digitale Rentenübersicht - Ablauf des Prozesses
Abbildung 1: Ablauf des Prozesses der Digitalen Rentenüberischt

Bis Ende 2024 wurden alle Anbieter von Altersvorsorge-Produkten mit mehr als 1000 Vorsorgeansprüchen und jährlicher Standmitteilung verpflichtet, sich an die Digitale Rentenübersicht anzubinden. Bis die Digitale Rentenübersicht jedoch erfolgreich implementiert werden konnte, durchlief das gesamte Projekt mehrere Evaluationsphasen und Umsetzungsstufen.

Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Digitalen Rentenübersicht wurde bestimmt, dass ab Ende 2022, in einer ersten Betriebsphase, eine Digitale Rentenübersicht erprobt und evaluiert wird. In dieser Evaluationsphase prüfte die ZfDR mit freiwillig angebundenen Vorsorgeeinrichtungen und teilnehmenden Nutzenden die Umsetzung der digitalen Rentenübersicht. Zudem wurde in dieser Phase geprüft, ab wann eine Anbindung für Vorsorgeeinrichtungen nach § 2 Absatz 2 RentÜG verpflichtend sein wird.

Seit dem Jahresbeginn 2025 sind alle Vorsorgeeinrichtungen und somit auch alle Versicherungsunternehmen mit Angeboten zur Altersvorsorge, die jährlich Standmitteilungen verschicken und mehr als 1000 Vorsorgeansprüche verwalten, dazu verpflichtet, an die ZfDR zu melden. Nicht zur Anbindung verpflichtet sind derzeit Anbieter von Direktzusagen in der betrieblichen Altersvorsorge, Berufsständische Versorgungswerke, die Träger der Versorgung der Beamten, Richter, und Soldaten sowie Versorgungssysteme, die weniger als 1000 Vorsorgeansprüche verwalten.

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Regulatorische Anforderungen an die Digitale Rentenübersicht und technische Hürden

Oberste Priorität bei der Umsetzung und der Anbindung an die ZfDR erlangte der Datenschutz. Die Digitale Rentenübersicht spielt sensible Daten an Versicherungsnehmende aus und muss darum ausnahmslos den Anforderungen des Datenschutzrechts entsprechen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass die Digitale Rentenübersicht gegen Cyber-Angriffe und möglichen Missbrauch der Daten geschützt sein muss. Die Informationssicherheit des Online-Portals ebenso wie die Datenübermittlung der Vorsorgeeinrichtungen ist unerlässlich und muss zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein. Genauso sollten Versicherungsnehmende jederzeit auf die Übersicht und ihre Daten zugreifen können. Diese sollten verständlich und transparent aufbereitet werden, da sich viele Menschen bei Versicherungsthemen, insbesondere Rentenversicherungen schnell verunsichert oder überfordert fühlen.

Versicherungsunternehmen mussten sich bis 31. Dezember 2024 auf eine Anbindung an die ZfDR vorbereiten – und auch hier gab es einige technische Hürden zu überwinden. Die Herausforderung lag dabei vor allem in den individuellen und teils sehr komplexen IT-Landschaften. Auch die jeweils genutzten Server konnten ein Problem darstellen: Zum einen sind Server häufig nicht rund um die Uhr verfügbar, zum anderen kann ihnen die Kapazität fehlen. Das hätte dazu geführt, dass sich Anfragen teilweise nicht oder nur verspätet beantworten ließen – denn das potenzielle Lastszenario kann bei bis zu 70 Anfragen pro Sekunde liegen. Auch einzelne Datenbereitstellungen können darüber hinaus hohe Lasten verursachen können.

Demnach mussten Versicherer die eigene vorhandene IT-Infrastruktur analysieren und überprüfen, Schnittstellen schaffen sowie geeignete Maßnahmen und Prozesse etablieren. Das erlangte auch deshalb besondere Relevanz, da die Aktualität der Daten und Schnittstellen dauerhaft gewährleistet sein musste. Spezialist:innen unterstützen viele Versorgerunternehmen darum mit ihrer Expertise und halfen ihnen bei der zuverlässigen Anbindung an die Digitale Rentenübersicht.

Von der Pflicht zur Kür: Gesetzliche Anforderungen und individuelle Mehrwerte

Neben den Standardanforderungen lassen sich durch die Digitale Rentenübersicht und den damit einhergehenden Optimierungen aber nach wie vor gleichzeitig individuelle Mehrwerte und Wettbewerbsvorteile generieren. Dazu gehören:

Prognosen mittels Machine Learning & AI

Durch die Anfragen von der ZfDR erhalten Versicherungen tiefere Einblicke in die Bedürfnisse und das Verhalten der eigenen Kunden. Diese Informationen können in die bestehende Kundenkontakthistorie automatisiert eingespielt werden. Mittels Machine Learning und AI lassen sich dann, auf Basis der Vertrags- und Kontakthistorie, der Kundenwert, die Produktaffinität und die Stornowahrscheinlichkeit aller Kunden bestimmen.

Ableitung vertriebsrelevanter Handlungsempfehlungen

Die Digitale Rentenübersicht benutzt die getroffenen Prognosen auch, um Empfehlungen für gute und schlechte Risiken auszusprechen. Diese durch Machine Learning & AI generierten Empfehlungen ermöglichen eine gezielte Durchführung von Cross- und Up-Selling-Maßnahmen sowie die Implementierung von Stornoprophylaxe bei guten Risiken. Sanierungsaufwand und Kündigungen merzen schlechte Risiken aus.

Informationsbereitstellung durch Kunden-Dashboard zur operativen Vertriebsunterstützung

Die Bereitstellung relevanter Informationen mittels Dashboards nutzt der Vertrieb beispielsweise für individuelle Terminabwicklungen. Weiterhin führen die aufgelisteten Kundendaten und Kontakthistorien zu einem Überblick der Rahmendaten für die Abwicklung von Vertriebsterminen. Ein sogenannter Kundenwert und Kundenstatus kann zusätzlich Aufschluss über Umsatzpotenziale geben und ermöglicht eine Kundenkategorisierung. Ein positiver Kundenwert ist die Grundlage für die weiterführende Cross- und Up-Selling-Empfehlungen, die auf hergeleiteten Produktaffinitäten aus den Prognosemodellen beruhen.

Rentenrechner

Die Digitale Rentenübersicht stellt Kunden- und Dateninformationen zur Altersvorsorge bereit. Damit kann eine realistische Versorgungslücke berechnet und kundenindividuelle Angebote für eine zusätzliche oder notwendige Absicherung entwickelt werden. So bieten Versicherungsunternehmen ihren Kunden einen zielgerichteten Mehrwert und können gleichzeitig passgenaue Angebote aussprechen.

Diese Mehrwerte räumen Unternehmen die Chance ein, sich auf ertragsrelevante, pivotale Kundensegmente zu fokussieren und ihre Kunden individuell sowie bedarfsgerecht anzusprechen. In diesem Zuge steigt die Kundenloyalität und -zufriedenheit und bildet die Grundlage für einen gesunden Kundenstamm. Gleichzeitig senkt der Versicherer Zeitaufwand und Kosten, da Termine effizienter abgewickelt werden können. Zudem profitiert die strategische Geschäftsentwicklung durch Produktdiversifikation, Produktinnovation, Produktmanagement, Markterweiterung und die Identifikation von Trend-Themen. Wie zu sehen, kann durch die Digitale Rentenübersicht nicht nur abgeschlossene Pflicht bestehen, sondern auch Kür. Wir unterstützen Sie gerne dabei, Ihre Daten zu Wettbewerbsvorteilen zu machen.

Was jedoch noch fehlt, ist ein standardisierter Datenaustausch zwischen allen Wettbewerbern bzw. Zulieferern: dem Konzept von Open Insurance. Open Insurance beschreibt den offenen Austausch von versicherungsbezogenen Daten mithilfe standardisierter API-Technologie. Das Vorbild dazu stammt aus der Finanzbranche, dem sogenannten Open Finance. Mit dem PSD2 (Payment Services Directive 2) legte die EU im Jahr 2016 den Rahmen für den schnellen, sicheren und automatisierten Austausch von Finanzdaten. Durch die freigesetzte Innovationskraft konnten bereits bemerkenswerte Vorteile für alle Beteiligten erzielt werden. Mit der FIDA (Framework for Financial Data Access Regulation)geht die EU einen Schritt weiter und lenkt auch die Versicherungsbranche in Richtung Open Insurance.

Auch wenn im Gegensatz zu Open Finance die technischen Anforderungen und API-Standards für die Versicherungsbranche noch ausstehen, sind schon jetzt viele Chancen durch dieses Konzept abzusehen: Versicherungsunternehmen können neuartige Angebote, Services oder sogar ganze Geschäftsmodelle gestalten und gezielter auf die Anforderungen und Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen. Ähnlich wie in der Finanzbranche wird Open Insurance somit kein temporäres Konzept sein, sondern sich in den nächsten Jahren immer weiter etablieren. Es bedarf jedoch nicht nur standardisierter Schnittstellen und technischer Möglichkeiten, sondern auch einem gewissen Mindset – sowohl bei Versicherungen als auch bei ihren Kunden:innen – zu den Vorteilen eines solch offenen Datenaustauschs.

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Über den Autor

Frank Zühlke

Head of Consulting

„Ich entwickle klare Strategien, um Organisationen effizient zu gestalten – von der Förderung von Innovationen über effiziente Prozessteuerung bis zur Ermöglichung von datenbasierten Entscheidungen. Gemeinsam finden wir Ihre nachhaltigen Lösungen für Wachstum, Exzellenz und Erfolg.“


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